Es ist kurz vor Sonnenaufgang und Hilton steht auf. Er ist so groß wie ein sechsjähriger, ist aber schon elf. Seine Mom hat während der Schwangerschaft getrunken. Wo seine Eltern sind weiß keiner so genau.
Wie früher schläft die ganze Familie im selben Zimmer. Die Kinder sind an Sex gewöhnt - viele Aspekte. Sie schlafen einfach auf Matratzen auf dem Boden. Möbel haben sie generell nicht viele in ihrem Haus. Der Fußboden ist Couch, Tisch, Stuhl.
Hilton hört Stimmen und geht nach draußen. Es ist der Mayangal Mob. Bis die Schule anfängt ist es noch eine gute Weile. Sie ziehen los und checken Hiltons Goanna Fallen. Er ist gut im Fallen stellen, nur Sarah ist vielleicht besser. Sie lacht den kleinen Hilton aus, weil er seine eigene Art im Fallen bauen hat. Sarah ist ein echtes Busch-Kind, kennt sich aus, ist nicht zimperlich.
Als die Sonne über den großen Baum klettert, machen sich alle langsam auf den Weg zur Schule. Ohne Frühstück. Alle Kinder, auch die kleinen, machen sich morgens selbst fertig. Die Erwachsenen schlafen noch. Frühstück fällt da meistens aus.
Die Schule ist ein bisschen wie eine andere Welt. Nur ein paar Meter entfernt, aber wie eine kleine westliche Insel im Dorf. Alles ist ordentlich und das meiste ist heile und funktioniert. Die Kinder sind eine halbe Stunde zu spät, aber eine Uhr hat halt keiner. Nur vier Kinder sind heute gekommen, drei fehlen. Sie sind gestern Abend mit ihren Eltern nach Noonkanbah gefahren. Letzte Woche war für die Schüler in Millijiddee das Broome-Camp: Eine Woche in Broome mit vielen Aktivitäten. Die Kinder lieben es. Diese Woche bietet Noonkanbah mehr. Aborigine Kinder können in drei Schulen gleichzeitig angemeldet sein. Das soll den nomadischen Lebensstil weiterhin ermöglichen. Ob die Kinder überhaupt irgendwo zur Schule gehen, kann keiner kontrollieren.
Seit heute gibt also nur noch sieben Schüler in Millijiddee. Drei in der Klasse von zwei bis sieben Jahren und vier in der von acht bis dreizehn. Aber vielleicht kommen nächste Woche ein paar Kinder aus Yankanarra zu Besuch. Bis dahin fehlt die Hälfte, wenn zwei Kinder schwänzen. Schwänzer verpassen nichts, sie sind keine Außenseiter, schnell sind sie die Mehrheit.
Als erstes steht auf dem Stundenplan: Zähne putzen. Danach Lesen. Hilton ist an der Reihe. Er kann nicht besonders gut lesen, aber die Passage kennt er auswendig. Seit Wochen lesen sie die gleiche Stelle wieder und wieder, bis alle Kinder es fehlerfrei hinkriegen. Die Lehrerin findet es sinnlos, aber genau so soll sie arbeiten. Sie fordert Hilton auf ihr das Wort “warrior” im Text zu zeigen. Er findet es nicht.
Später am Vormittag, während Rechnen, fällt die Klimaanlage aus. Draußen 46 Grad und der Klassenraum wird zum Backofen. Hilton kann sich noch schlechter konzentrieren als sowieso schon. Er wird hibbelig, trommelt auf den Tisch, kann sich nicht helfen. Die Lehrerin fragt Sahrah etwas, sie weiß es nicht. Sarah rastet aus. Sie flucht und beschimpft die Lehrerin. Aufs Übelste. Die anderen Kinder fallen ein, fallen über die Lehrerin her. Sie lässt es über sich ergehen, was sonst.
Nach kurzem beruhigt sich Stimmung etwas. Aufgeht’s, Endspurt. Die Lehrerin startet kleine Spiele und verteilt Belohnungen. Sie investiert mehr Energie in Motivationsarbeit als in Lehre. Dann, endlich, Mittagspause. Die Kinder kriegen eine warme Mahlzeit von der Schule und gehen nach hause für eine Stunde.
Nach der Mittagspause ist die Lehrerin alleine im Klassenraum. Die Klimaanlage läuft wieder, aber keines der Kinder ist zurückgekommen. Sie dreht eine Runde durch’s Dorf und gabelt ihre Schützlinge hier und dort auf. Zusammen gehen sie zurück zur Schule. Die Kinder haben keine Lust und sind gereizt. Es muss jetzt interessant sein, darf nicht langweilig werden. Mit viel Kreativität und Ausdauer der Lehrerin überstehen alle den Rest des Tages.
Keine halbe Stunde nach der Schule besuchen Hilton und Alex die Lehrerin. Nicht jetzt. Sie braucht Pause, ein bisschen Ruhe. Später, okay? Sie verabreden sich auf eine Wanderung in zwei Stunden. Aber was sind zwei Stunden? Alle paar Minuten kommen die zwei wieder, bis sie letztendlich aufbrechen. Unterwegs zeigen die Kinder der Lehrerin Tierspuren und erklären welche Pflanzen man essen kann. Hilton ist in seinem Element und zeigt ihr stolz eine seiner Goanna Fallen. Nebenbei bringt die Lehrerin ihnen die Himmelrichtungen bei.
Zurück im Dorf rauft Sarah mit einem anderen Mädchen. Das Mädchen hat sie wütend gemacht. Sie war mit ihren Eltern in Broome, einkaufen. Sie hat Sachen, Kleidung, die Sarah nicht hat, nicht kaufen kann. Die Lehrerin trennt die beiden. Sarah schimpft “Wenn meine Eltern zurück sind, gibt meine Mom mir Hundert Dollar! Mein Geld, Kinder-Geld!” Sie hat gehört, dass Eltern Geld für ihre Kinder kriegen, aber sie versteht das ganze System nicht. Woher das Geld kommt, weshalb und wofür. Ihre Eltern sind seit ein paar Wochen in Fitzroy Crossing, trinken.
Später am Abend besucht Sarah die Lehrerin auf eine Tasse Tee. Sie liebt es ihre Haare gekämmt zu bekommen. Gern hätte sie glatte Haare. Es tut ihr Leid, was am Vormittag passiert ist, aber sie sagt es nicht.
Nachdem Sarah gegangen ist, bereitet die Lehrerin den Unterricht für morgen vor und arbeitet an Dokumenten für die Schulprüfung nächsten Monat. Es ist spät, Zeit schlafen zu gehen. Morgen ist wieder ein langer Tag. Sie geht ins Bett und denkt “Es ist anders hier.”




Kommentar von Nadine
1 22. Dezember 2009, 21:23 Uhr |
Hey Basti,
ich wünsche Dir schöne und entspannte Weihnachten und natürlich einen super Rutsch ins neue Jahr! Lass rocken!
Bis bald - hoffentlich - aber vorher noch viiiiieeel Spaß in Taiwan :o)
Liebe Grüße
Dine